Bund der Versicherten warnt vor „Solvenzfetisch“

12.9.2018 – Der GDV beurteilt die Finanzstärke der Lebens- und Schadenversicherer im ersten Halbjahr 2018 als „auf Kurs“ beziehungsweise „äußerst stabil“. Die Analyse der Lebensversicher für 2017 des BdV und Zielke Research Consult fällt dagegen sehr viel differenzierter aus. Gelobt wird zunehmende Transparenz, kritisiert unter anderem unzureichende Eigenmittel.

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Nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) ist die Finanzkraft der Branche im ersten Halbjahr 2018 stabil gewesen. „Die Solvenzquote ergibt sich aus dem Verhältnis der vorhandenen Eigenmittel zu den aufsichtsrechtlichen Kapitalanforderungen“, erklärte der Verband.

Sie habe bei den Lebensversicherern im Branchendurchschnitt bei rund 260 Prozent ohne und knapp 400 Prozent mit Berücksichtigung von Übergangsmaßnahmen gelegen. Das entspricht den Werten zum Jahresende 2017.

Laut den SFCR-Berichten der Unternehmen hat die SCR-Quote ohne Übergangsmaßnahmen Ende 2017 bei durchschnittlich 227 (2016: 196) Prozent gelegen. Die Spanne bei den größten 15 Lebensversicherern reichte von 72 bis 549 Prozent. Das zeigt der Map-Report Nummer 902 – „Solvabilität im Vergleich 2008 bis 2017“ (VersicherungsJournal 12.6.2018).

GDV sieht Lebensversicherer „auf Kurs“

Axel Wehling (Bild: GDV)
Axel Wehling (Bild: GDV)

Die Entwicklung kommentierte Dr. Axel Wehling, Mitglied der GDV-Geschäftsführung: „Die deutschen Lebensversicherer liegen beim Abbau der Übergangsmaßnahmen auf Kurs."

Die Schaden-/ und Unfallversicherer bezeichnet der Verband als „äußerst stabil“. Ihre Solvenzquote habe sich zum Jahresende 2017 auf knapp unter 300 Prozent belaufen und sich „zum Halbjahr 2018 nur geringfügig geändert“. Ohne Übergangsmaßnahmen waren die Quoten sehr viel höher und streuten sehr stark (VersicherungsJournal 16.8.2018).

Zu den privaten Krankenversichern (PKV) äußerte sich der GDV nicht. Ende 2017 war die Branche mit einer SCR-Bedeckungsquote ohne Übergangshilfen von durchschnittlich 480 Prozent besser aufgestellt als die Lebens- und die Schadenversicherer. Der schwächste Krankenversicherer wies eine Quote von 168 Prozent aus und der stärkste von 903 Prozent (VersicherungsJournal 14.6.2018).

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Verband fordert, Solvenzberichte zu vereinfachen

Zu den Berichtspflichten erklärte der GDV: „Derzeit müssen die Unternehmen zu häufig und zu viele Daten liefern, ohne dass ein erkennbarer Nutzen für die Adressaten entsteht.“

Die alljährlich vorzulegenden Solvenzberichte (SFCR) richteten sich ausdrücklich auch an Versicherungsnehmer. „Die Vielzahl an gesetzlich geforderten Detailinformationen macht die Berichte jedoch für Nicht-Experten nahezu unverständlich“, beklagt der Verband und fordert:

„Damit der SFCR seine Zielgruppen erreichen kann, müsste den Unternehmen gestattet werden, sich auf wesentliche Informationen zu beschränken. Derzeit ist es genau umgekehrt: Versicherer müssen auch dann zu bestimmten Aspekten Auskunft geben, wenn sie gar nicht betroffen sind.“

Viele Unternehmen haben […] dieses Jahr deutlich transparentere Berichte vorgelegt.

Axel Kleinlein, Bund der Versicherten, über die Solvenzberichte 2017

BdV sieht Verständlichkeit verbessert

Axel Kleinlein (Bild: Brüss)
Axel Kleinlein (Bild: Brüss)

Die Verständlichkeit ist aber offenbar nicht allein Sache des Gesetzgebers. Das zeigt eine Untersuchung der SFCR-Berichte für 2017 der 84 deutschen Lebensversicherer durch die Zielke Research Consult GmbH im Auftrag des Bundes der Versicherten e.V. (BdV).

Positiv wird vom BdV und Zielke angemerkt, „dass die Solvenzberichte im Vergleich zur Vorjahresstudie (VersicherungsJournal 28.7.2017) verständlicher geworden sind“.

BdV-Vorstandssprecher Axel Kleinlein kommentierte: „Viele Unternehmen haben sich in Sachen Transparenz lernwillig gezeigt und dieses Jahr deutlich transparentere Berichte vorgelegt.“

Bei 41 Lebensversicherern sei die Transparenz „angemessen“.

27 hätten sich verbessert, darunter zehn am stärksten und auf die Höchstnote in dieser Wertung:

Der größte Rückgang an Transparenz und gleichzeitig die schlechteste Note wurde bei der Basler Lebensversicherungs-AG, der Münchener Verein Lebensversicherung AG, der Neue Bayerische Beamten Lebensversicherung AG und der Provinzial Nordwest Lebensversicherung AG bescheinigt.

Angesichts dieser Probleme brauchen wir eine angemessene Neukalibrierung der Zinszusatzreserve.

Dr. Carsten Zielke, Geschäftsführer Zielke Research Consult

Verbraucherschützer „beobachten einen Solvenzfetisch“

Zu der Höhe der Finanzstärke-Quoten erklärte Kleinlein: „Wir beobachten einen Solvenzfetisch. Hohe Solvenzmittel alleine geben aber keinen Anlass zur Entwarnung.“ Die erhöhten Werte der Sicherheitsmittel beruhten meist nicht auf nachhaltigen Maßnahmen und blähten die Solvenz zuweilen übermäßig zu Lasten anderer Kennzahlen auf.

Dazu zählt der Verbandschef „in 2017 einmalige Effekte oder externe Einflüsse, die die Solvenzlage entspannt erscheinen lassen“, so dass eine hohe Solvenzquote alleine keine starke Aussagekraft habe. Nur 13 Unternehmen wiesen „angemessene“ Solvenzquoten auf.

In der Auswertung von Zielke werden diese elf Versicherer mit der Höchstnote aufgeführt:

Es gebe kaum Hinweise auf eine nachhaltige Stärkung der Eigenmittel. Das können einigen Unternehmen ernste Probleme bringen, würden die derzeitigen Regelungen zur Bildung zusätzlicher Reserven – wie der Zinszusatzreserven – fortbestehen.

„Angesichts dieser Probleme brauchen wir eine angemessene Neukalibrierung der Zinszusatzreserve“, erklärt Dr. Carsten Zielke, Geschäftsführer der Zielke Research Consult.

Kritik an Run-off-Versicherern

Ein besonderes Auge wurde auf Gesellschaften geworfen, die ohne Neugeschäft ihre Bestände abwickeln. „Run-off-Gesellschaften zeichnen sich durch eine ausgeprägtere Intransparenz der Berichte und geringe reine Solvenzwerte aus“, erklärt Kleinlein. Nur durch Ansatz von Übergangsvorschriften könnten alle Run-Off-Gesellschaften die geforderte Solvabilität aufweisen.

Zielke warnte vor einer zu oberflächlichen Beurteilung der Versicherer: „Nur eine Betrachtung der unterschiedlichen Kennzahlen in deren Wechselwirkung erlaubt eine genaue Analyse der Unternehmen“, erklärt Carsten Zielke, Geschäftsführer der Zielke Research Consult.

Seine Studie umfasst die Wertungsbereiche:

  • Transparenz
  • Solvenz
  • Gewinnerwartung
  • Marktrisiko
  • Staatsanleihen
  • Diversifizierung
  • Überschussfonds
  • Risikomarge

Die Ergebnisse der Untersuchung mit Erläuterungen sind auf einer BdV-Internetseite frei zugänglich.

 
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