Riester: Versicherern geht immer mehr die Luft aus

10.4.2018 – Bei der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge ist das Wachstum im vergangenen Jahr so gut wie zum Erliegen gekommen, wie die aktuelle Statistik des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) zeigt. Auf Jahressicht konnten Bausparkassen und Fondsgesellschaften ihren Riester-Kundenkreis ausbauen. Hingegen hatten die Versicherer und die Banken Bestandsverluste zu verzeichnen.

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Im Jahr 2017 ist die Zahl der Riester-Verträge netto – also unter Einberechnung der Kündigungen und Vertragsabgänge – um 23.000 auf 16,593 Millionen gestiegen. Das zeigt die gestern vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) veröffentlichte amtliche Riester-Statistik (Stand: 4. April 2018). Ruhend gestellte Kontrakte werden vom Ministerium nicht zahlenmäßig ausgewiesen, sondern unverändert auf einen Anteil von „gut einem Fünftel“ geschätzt.

Damit wurde der sehr niedrige Zuwachs des Jahres zuvor – für 2016 stand netto bereits ein historischer Tiefstand zu Buche (VersicherungsJournal 3.4.2017) – noch einmal unterboten.

Die aktuelle Zuwachsrate betrug nur noch etwas über 0,1 Prozent. 2016 war die Wachstumsrate noch rund vier Mal so hoch, 2015 (VersicherungsJournal 12.4.2016) etwa neun Mal so hoch und 2014 (VersicherungsJournal 24.3.2015) sogar circa 14 Mal so hoch.

Zuwachs/Rückgang Riester (Bild: Wichert)

Für das Schlussquartal 2017 werden keine Zahlen ausgewiesen

Zahlen für das vierte Quartal werden in den BMAS-Statistiken traditionell nicht ausgewiesen – und lassen sich aktuell auch nicht mithilfe von früher veröffentlichten Zahlen für alle Varianten errechnen. Der Grund findet sich in einer Fußnote zur Statistik: „Änderungen der Zahlen gegenüber früheren Veröffentlichungen sind auf Revisionen zurückzuführen“, heißt es in der Spalte zu den Daten der versicherungsförmigen Riester-Verträge.

Dort wird für Ende 2016 neuerdings ein Bestand von 10,931 Millionen Policen aufgeführt. Das sind 28.000 Verträge mehr als in den letzten vier Statistiken ausgewiesen wurde (VersicherungsJournal 15.12.2017, 2.10.2017, 8.6.2017). Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) konnte auf Nachfrage nicht für Aufklärung sorgen, wo diese Verträge genau herkommen.

Für die Riester-Banksparpläne errechnet sich für das Schlussquartal ein Minus von über 20.000 Verträgen, für die Riester-Fondssparpläne ein Minus von über 10.000 Kontrakten. Beim Wohn-Riester gab es hingegen ein Plus von über 15.000 Verträgen.

Versicherungen und Banksparpläne im Minus

Auf Jahressicht ging der Bestand bei den Riester-Versicherungen um deutlich über 60.000 auf unter 10,87 Millionen Policen zurück. Währenddessen stand für die Riester-Banksparpläne ein Minus von fast 40.000 auf nicht einmal mehr 730.000 Kontrakte zu Buche.

Positive Entwicklungen gab es hingegen bei den Riester-Fondssparplänen (plus fast 60.000 Verträge) sowie bei den Wohn-Riester-Verträgen (plus fast 80.000 Kontrakte).

Riester-Nettoneuzugang 2017 Q4 (Bild:Wichert)

Stand 31. Dezember 2017 kommt die Wohn-Riester-Variante auf knapp 10,7 (Ende 2016: 10,2) Prozent Anteil. Bei den Riester-Fondssparplänen sind es den aktuellen Ministeriumsdaten zufolge 19,5 (19,2) Prozent, bei den Riester-Banksparplänen 4,4 (4,7) Prozent.

Der Anteil der Riester-Rentenversicherungen, der Ende 2016 noch bei annähernd 66 Prozent lag, betrug zum Jahresende 2017 nur noch 65,5 Prozent. Zum Vergleich: Ende 2015 lag der Anteil letztmals bei über zwei Dritteln, Ende 2011 noch bei über 70 Prozent und Ende 2006 sogar noch bei über 80 Prozent.

GDV fordert „mutige Vereinfachung von Riester“

Die negative Entwicklung bei den versicherungsförmigen Riester-Verträgen ist unter anderem auch auf das in den letzten Jahren immer weiter gesunkene Bruttoneugeschäft der Versicherer (VersicherungsJournal 10.4.2018) zurückzuführen.

Wir brauchen also eine deutliche, mutige Vereinfachung von Riester, und zwar sowohl bei der Förderung als auch bei den Produkten.

Dr. Jörg Freiherr Frank von Fürstenwerth, Vorsitzender der GDV-Hauptgeschäftsführung

Der Versichererverband führt als Grund für die stagnierende Gesamtentwicklung auch die „große Komplexität und Unübersichtlichkeit“ an. Diese ist nach Ansicht von Dr. Jörg Freiherr Frank von Fürstenwerth, Vorsitzender der GDV-Hauptgeschäftsführung, durch den ursprünglichen politischen Ansatz entstanden, „bei der Riester-Rente über möglichst viele unterschiedliche Angebote verschiedenster Anbietergruppen einen möglichst breiten, wettbewerbsintensiven Markt zu schaffen.“

„Viele Kunden sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr“, so von Fürstenwerth in seiner Kolumne vom 4. April 2018. Daraus schlussfolgert der Vorsitzende der GDV-Hauptgeschäftsführung: „Wir brauchen also eine deutliche, mutige Vereinfachung von Riester, und zwar sowohl bei der Förderung als auch bei den Produkten.“

So sei etwa die Definition des förderberechtigten Personenkreises eine Wissenschaft für sich. Dies führe zu dem Ergebnis, dass viele Bürger unzutreffend davon ausgingen, sie seien gar nicht förderberechtigt. „Warum nicht einfach alle Erwerbstätigen fördern, also auch die Selbständigen?“, fragt von Fürstenwerth.

Fragen über Fragen

Vor diesem Hintergrund begrüßt der Vorsitzende der GDV-Hauptgeschäftsführung das im Koalitionsvertrag (PDF, 8,5 MB) festgeschriebene Vorhaben der Bundesregierung, zügig einen Dialog „mit der Versicherungswirtschaft anzustoßen mit dem Ziel einer zügigen Entwicklung eines attraktiven standardisierten Riester-Produkts.“

Dabei stehen laut von Fürstenwerth allerdings „Entscheidungen an, die einer einheitlichen politischen Antwort bedürfen:

  • Will der Staat bei der Riester-Rente ganz auf Garantien verzichten oder die bestehenden gesetzlichen Mindestanforderungen dazu flexibilisieren?
  • Soll die Verbreitung der Riester-Rente künftig quasi obligatorisch erfolgen, indem etwa sämtliche Arbeitgeber in Deutschland zur Vorsorgevermittlung verpflichtet werden?
  • Und wenn nein, wenn der Abschluss freiwillig bleibt, wie will man ohne die professionellen Vertriebe eine größere Verbreitung sicherstellen?“

Der Vorsitzende der GDV-Hauptgeschäftsführung zeigte sich davon überzeugt, dass die Digitalisierung neue Chancen eröffne und die standardisierte Riester-Rente „voll digital“ sein müsse, „schon um auch so ihre Kosten zu optimieren, aber die Verbreitung sichert das nicht.“

Leserbriefe zum Artikel:

+Thomas Oelmann - Warum stellt die Versicherungswirtschaft die Altersvorsorge nicht einfach ein? mehr ...

Volker Riegel - Warum das nie kommen wird. mehr ...

Yan C. Steinschen - Es zählt zu den originären Versichereraufgaben, Kapital anzulegen. mehr ...

Volker Riegel - Versicherer haben sich auf das Parkett der großen Gelder begeben. mehr ...

Hans Hauser - Das Risiko Langlebigkeit wird oft vergessen. mehr ...

Volker Riegel - Einfach nur das Risiko in Form einer Risikovorsorge absichern. mehr ...

Werner Herrmann - Zu kompliziert, zu teuer, zu schlecht vergütet und viel zu aufwendig. mehr ...

Knut Kahnt - Freie Marktwirtschaft bietet immer bessere Chancen. mehr ...

Nils Fischer - Merkwürdige Debatten. mehr ...

Wilfried Hartmann - Riester hat sich als „Rohrkrepierer” erwiesen. mehr ...

+Ron Baker - Milchmädchenrechnung für die Riestersparer. mehr ...

Axel Götz - Praxisbeispiel zum Mehrwert bei der Riester-Rente. mehr ...

Klaus Höfler - Versagen erkennen und Fehler revidieren. mehr ...

Schlagwörter zu diesem Artikel
Altersvorsorge · Bausparen · Berufsverband · Digitalisierung · Rente · Riester
 
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