Stornoquote von über fünf Prozent könnte der Branche gefährlich werden

8.11.2023 (€) – „Blendende Solvenzsituation, aber gestresste HGB-Bilanzen“, bescheinigt Analyst Carsten Zielke den Lebensversicherern in seiner jüngsten Studie. Den Kunden raten er und der BDV-Vorstand Stephen Rehmke, Angebote daraufhin zu prüfen, ob der Versicherer auf absehbare Zeit einen gewissen Inflationsausgleich bieten kann. Für die Versicherer seien alternative Auszahlungspläne mit bankähnlichen Konditionen eine Herausforderung, aber auch eine Lösung.

„Die Liquidität ist jetzt die Achillesferse“, warnte Dr. Carsten Zielke, Geschäftsführer der Zielke Research Consult GmbH, am Dienstag bei der Vorstellung seiner Solvenzstudie der Lebensversicherer „Das Geld wird knapper“.

Während die stillen Lasten 8,54 Prozent der Kapitalanlagen ausmachen, erreicht die Eigenkapitalausstattung nur 3,6 Prozent. Sofern sich die Versicherer auf die Resilienz der Kunden verlassen könnten, sei „das kein Problem“.

Kunden bei der Stange halten

Um keine stillen Lasten realisieren zu müssen, die die Eigenkapitalausstattung gefährden würden, müsse man die „Kunden durch attraktivere Verzinsungsmodelle bei der Stange halten“. Wettbewerbsfähige Renditen für Neuanlagen würden zudem den Vertrieb weiter auslasten und keine Kostenproblematik entstehen lassen.

Als grundsätzliche Ursachen nennt Zielke die Inflation, steigende Zinsen sowie die zu konservative Anlagepolitik. Das Eigenkapitalregime Solvency ll sei zudem nur auf eine Niedrigzinsphase gut ausgerichtet.

Die deutschen Lebensversicherer litten besonders, weil ihre Duration auf der Passivseite tendenziell länger sei als die Aktivseite. Der Anstieg der Zinsen habe nur die Versicherer begünstigt, die sich durch Solvency II nicht zu einem übertriebenen Anpassen der Kapitalanlagen an die Vertragsdauer der Kunden hätten verleiten lassen.

„Gefährliche“ Quote

Eine Stornoquote jenseits von fünf Prozent könnte der Branche laut Zielke gefährlich werden. „Zum Glück hängt Deutschland in der Digitalisierung hinterher, so dass Kunden nicht von heute auf morgen ihre Gelder abziehen können, sondern dazu einen Brief schreiben müssen. Und natürlich hat es auch finanzielle Nachteile, wenn sie stornieren.“

Laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) betrug die Stornoquote 2022 rund 2,51 (2,57) Prozent.

Die durchschnittliche ausgewiesene Solvenzquote hat sich laut Zielke 2022 auf 601 (Vorjahr: 458) Prozent verbessert. Die reine Quote (ohne Übergangsmaßnahmen, nicht eingezahltem Eigenkapital und Volatilitätsanpassung) erhöhte sich auf 390 (265) Prozent.

Kann der Lebensversicherer einen Inflationsausgleich bieten?

Den Kunden raten Zielke und Stephen Rehmke, Vorstand des Bund der Versicherten e.V., Angebote daraufhin zu prüfen, ob der Versicherer auf absehbare Zeit einen gewissen Inflationsausgleich bieten könne. Für die Versicherer seien alternative Auszahlungspläne mit bankähnlichen Konditionen eine Herausforderung, aber auch eine Lösung.

Eine Öffnung zu mehr Konkurrenz vor allem in der Ansparphase könnte letztendlich auch die Rentenbezüge attraktiver machen.

Neue Kennzahl „Solvenzqualität“

Mit der „Solvenzqualität“ führt Zielke eine neue Kennzahl ein, die dem Leser „einen einfachen Anhaltspunkt zur Beurteilung“ geben soll. Die neue Quote setzt sich aus der reinen Solvenzquote (die Basiseigenmittel ohne Übergangsmaßnahmen und Volatilitätsanpassung), dem Diversifikationsgrad der Kapitalanlagen, der Staatsanleihenquote und der nach einem vorgegebenen Schema bewerteten Transparenz zusammen.

Von den 78 untersuchten Gesellschaften haben acht die Höchstpunktzahl (fünf) erreicht. Dies sind:

Die Solvenzanalyse wurde wieder vom Bund der Versicherten e.V. (BdV) unterstützt. Die Einzelergebnisse können unter www.check-deine-versicherung.de eingesehen werden.

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