Verdi kontert AGV-Kritik zu Tarifverhandlungen: „Es gibt kein Ungleichgewicht der Forderungen“

7.7.2026 – Nach der zweiten Tarifrunde zu offenen Fragen des Manteltarifvertrags hatte der AGV kritisiert, Verdi sei mit teils überzogenen Maximalforderungen in die Verhandlungen gegangen. Gegenüber dem VersicherungsJournal erläutert Verdi-Verhandlungsführerin Deniz Kuyubasi nun die Strategie der Arbeitnehmerseite.

Am 30. Juni 2026 haben sich der Arbeitgeberverband der Versicherungsunternehmen in Deutschland e.V. (AGV) und die Ver.di – Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft in Dortmund zu einer zweiten Verhandlungsrunde über den Manteltarifvertrag (MTV) getroffen. Geklärt werden sollten Fragen, die bei der Einigung zum Tarifvertrag im Juli 2025 offengeblieben sind (VersicherungsJournal 7.7.2025).

„Tarifvertrag Transformation“ stößt an juristische Grenzen

Einen Schwerpunkt bildete dabei der von Verdi angestrebte „Tarifvertrag Transformation“. Er soll den Wandel in der Versicherungswirtschaft sozialverträglich gestalten, der mit dem verstärkten Einsatz von KI, automatisierten Prozessen und neuen Geschäftsmodellen einhergeht.

Deniz Kuyubasi (Bild: Verdi)
Deniz Kuyubasi (Bild: Verdi)

Der Arbeitgeberverband machte deutlich, dass nach seiner Ansicht Forderungen von Verdi nicht in einem Flächentarifvertrag geregelt werden können. Sowohl die Forderung nach Standortgarantien als auch ein Tarifschutz bei Ausgliederungen greife in die Autonomie der Versicherer ein und sei juristisch nicht durchsetzbar. Gleichwohl zeigte sich der AGV für einen „Tarifvertrag Transformation“ offen (3.7.2026).

Auf Nachfrage bestätigt nun auch Deniz Kuyubasi, Bundesfachgruppenleiterin für Versicherungen bei Verdi: „Aus unserer Sicht haben wir die Gespräche als konstruktiv und lösungsorientiert wahrgenommen. Naturgemäß gab es unterschiedliche Ansichten, die in weiteren Gesprächen zu einer Annäherung gebracht werden sollen“, so Kuyubasi.

Die dritte Verhandlungsrunde findet am 15. und 16. Oktober in Würzburg statt. „Welche Themen am ehesten zu einer Einigung gebracht werden können, ist aus heutiger Sicht nicht seriös beantwortbar“, sagt die Gewerkschafterin.

Lösungskorridore statt fester Forderungen?

Gleichwohl weist Kuyubasi die Kritik des AGV zurück, wonach ein „Ungleichgewicht der Forderungen“ bestehe. Dies hatten sowohl AGV-Verhandlungsführerin Dr. Lena Lindemann als auch der stellvertretende AGV-Hauptgeschäftsführer Dr. Sebastian Hopfner auf Nachfrage erklärt. Demnach habe Verdi einen Maximalkatalog vorgelegt, inklusive Forderungen, die nicht tariflich regelbar seien.

„Aus unserer Sicht gibt es kein Ungleichgewicht der Forderungen. Wir sind lösungsorientiert in diesen Verhandlungsprozess eingestiegen. Wir haben sehr bewusst auf einen Forderungskatalog verzichtet. Wir haben stattdessen Handlungsfelder identifiziert, die unsere Mitglieder beschäftigen“, sagt Kuyubasi. So seien beispielhaft Lösungskorridore identifiziert worden.

Uns ist völlig klar, dass gewisse Dinge nicht in einem Flächentarifvertrag geregelt werden können.

Deniz Kuyubasi, Verdi

„In diesem Zusammenhang war und ist uns völlig klar, dass gewisse Dinge nicht in einem Flächentarifvertrag geregelt werden können. Darum geht es uns auch nicht primär. Wir wollen einen guten tariflichen Rahmen für die Unternehmen schaffen, in dem die identifizierten Handlungsfelder, die unsere Kolleginnen und Kollegen beschäftigten, bearbeitet werden können“, sagt sie.

Wenn dies von der Arbeitgeberseite allerdings als harte Forderungen interpretiert worden sei, gebe es an dieser Stelle Klärungsbedarf. „Wir wollen vor dem Hintergrund der immensen zukünftigen Herausforderungen in der Branche sozialpartnerschaftlich Lösungen finden und unseren Teil dazu beitragen, dass die Beschäftigten keine Sorgen vor der Zukunft haben müssen.“

Unsere Mitglieder erwarten, dass wir als Gewerkschaft […] zu einer ‚Gestaltungsmacht‘ werden.

Deniz Kuyubasi, Verdi

Verdi will keine „Gegenmacht“ sein

Kuyubasi verweist dabei auf das Selbstverständnis der Gewerkschaft. Verdi sehe seine Rolle nicht allein darin, Forderungen zu stellen, sondern wolle den Wandel der Branche aktiv mitgestalten. „Unsere Mitglieder erwarten, dass wir als Gewerkschaft nicht nur als ‚Gegenmacht‘ agieren, sondern dass wir zu einer ‚Gestaltungsmacht‘ werden“, sagt sie.

Nach den Worten Kuyubasis erwarten die Mitglieder, dass Verdi eigene Vorschläge einbringt und diese gemeinsam mit der Arbeitgeberseite zu tragfähigen Lösungen verhandelt – im Interesse der Beschäftigten ebenso wie der Unternehmen. Ziel seien möglichst Win-win-Situationen.

„Ich bin mir sicher, dass, wenn beide Seiten diese Verhandlungen offen und ohne ideologisches Mindset führen, solche Win-Win-Lösungen häufiger möglich sind, als es auf den ersten Blick scheint. Gleichzeitig ist klar, dass das nicht immer der Fall sein wird und es Kompromisse geben wird. Wie sagt man so schön: Auf beiden Seiten wird ‚die ein oder andere Kröte‘ geschluckt werden müssen.“

In diesem Sinne strebe Verdi auch keine unnötigen Regelwerke an. Der AGV hatte die Sorge geäußert, dass neben die bestehenden Tarifverträge neue treten könnten, deren Inhalte sich mit den bisherigen überschneiden oder ihnen widersprechen. Vielmehr gehe es darum, die tariflichen Regelungen weiterzuentwickeln und an die Herausforderungen der künftigen Arbeitswelt anzupassen, sagt Kuyubasi.

Was Verdi für den Transformations-Tarifvertrag noch fordert

Weitere Verdi-Forderungen für den „Tarifvertrag Transformation“ zielen darauf ab, den Einsatz von künstlicher Intelligenz sozial zu gestalten. So sollen Beschäftigte, deren Tätigkeiten sich durch KI verändern oder entfallen, Anspruch auf Qualifizierung und den Wechsel in andere Aufgabenbereiche erhalten.

Darüber hinaus strebt die Gewerkschaft Leitplanken für den Einsatz von KI an. Ältere Beschäftigte sollen bei der Transformation besonders berücksichtigt werden.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die allgemeine Qualifizierung der Beschäftigten für die neuen Techniken. Verdi fordert einen tariflichen Anspruch auf Weiterbildung, damit Mitarbeiter die für den digitalen Wandel erforderlichen Kompetenzen erwerben können. Dazu zählen unter anderem Grundlagen im Umgang mit Daten, digitalen Werkzeugen, Prozessautomatisierung und künstlicher Intelligenz.

Zudem soll ausreichend Zeit für Weiterbildungen vorgesehen werden; auch Modelle einer Bildungsteilzeit mit Gehaltsausgleich stehen zur Diskussion. Weitere Themen, die in der aktuellen Tarifrunde verhandelt werden, können in den aktuellen Tarifnachrichten des AGV (PDF, 1,12 MB) eingesehen werden.

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