25.9.2026 – Mit großem Erstaunen lese ich, dass ausgerechnet in einer Zeit, in der die Altersvorsorge grundlegend reformiert werden soll, ernsthaft darüber nachgedacht wird, Beratungspflichten abzuschaffen. Die Vermittlerorganisationen warnen völlig zu Recht davor, dass der Vertrieb „zur Disposition gestellt“ werden könnte. Wenn sogar beim geplanten Standardprodukt für die Frühstartrente von Sechs- bis 18‑Jährigen keine Beratung mehr vorgesehen ist, stellt sich die Frage, ob man die Komplexität von Kapitalmarkt und Förderlogik überhaupt verstanden hat.
Seit Jahren predigt die Branche Selbstverpflichtungen, vollumfängliche Beratung, Einhaltung des VVG und Kundenorientierung statt Produktverkauf. Doch sobald die Abschlusszahlen sinken, scheint man plötzlich zu erkennen, dass aufgeklärte Kunden nicht mehr bereit sind, starre lebenslange Renten zu zeichnen, bei denen man 90 Jahre alt werden muss, um überhaupt die eingezahlten Beiträge zu erreichen. Statt diese Realität anzuerkennen, wird nun die Beratungspflicht infrage gestellt. Ein Schritt, der den Weg für Finfluencer ohne Ausbildung, für Discounter und Plattformen wie Amazon ebnet.
Besonders irritierend ist der Vorstoß des GDV, der die Abschaffung der Beratungspflichten fordert. Laut Vermittlerverbänden ein „direkter Angriff auf den Versicherungsvertrieb“. Wenn die Versicherer gleichzeitig „partnerschaftlich und fair“ mit dem Vertrieb kooperieren sollen, wie es die Verbände einfordern, wie die Forderungen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V., dann wäre ein erster Schritt, die eigene Rolle im Markt ehrlich zu reflektieren.
Die Zahl der Vermittler hat sich in den letzten 20 Jahren nahezu halbiert. Nicht, weil sie „zu teuer“ wären, sondern weil qualifizierte Beratung Zeit, Verantwortung und Fachwissen erfordert. Wer diese Expertise nun durch Standardprodukte und Beratungslosigkeit ersetzen will, riskiert nicht nur Fehlentscheidungen der Verbraucher, sondern auch den Verlust des dringend benötigten Nachwuchses in der Branche.
Und vielleicht liegt genau darin der Kern des Problems: Mit dem neuen AVD stehen Milliarden an Riester-Verträgen auf dem Spiel. Da scheint es verlockend, den Vertrieb zu „verschlanken“, um möglichst schnell wieder Geld in die Kassen zu bekommen. Doch eine Altersvorsorge-Reform, die auf Kosten von Beratung und Verbraucherschutz umgesetzt wird, wird nicht das Vertrauen stärken, sondern weiter zerstören.
Frank Mechler
Frank.Mechler@deutsches-maklerforum.de
zum Artikel: Vermittler machen Druck auf Politik und Versicherer




