3.9.2026 – Die private Unfallversicherung schrumpft schon seit Jahren. Welche Zukunft sie aus Sicht der Interrisk hat, erläutert deren Vorstandsvorsitzender Dr. Florian Sallmann im Interview für das VersicherungsJournal-Extrablatt.
Dr. Florian Sallmann ist promovierter Versicherungsökonom und war knapp zwei Jahrzehnte lang bei der Generali-Gruppe tätig (VersicherungsJournal 4.2.2025).
Seit Februar 2025 ist er Vorstandsvorsitzender der zur Vienna Insurance Group (VIG) gehörenden Interrisk Versicherungen, die er zu einem führenden Maklerversicherer entwickeln will. Welche Rolle dabei die private Unfallversicherung spielt, erklärt im Interview.

- Florian Sallmann (Bild: Interrisk)
Sie beschäftigen sich seit mehr als 20 Jahren mit der Versicherungsbranche. Welche Veränderungen haben Sie insbesondere im Markt und in der Produktpalette der privaten Unfallversicherer beobachtet?
Die private Unfallversicherung ist ein ertragreiches Geschäft, leidet jedoch seit rund zwei Jahrzehnten unter einem leichten, aber stetigen Abrieb. Das Thema Unfall ist nämlich unangenehm und wird von Verbrauchern gern verdrängt. Viele Menschen glauben daher, dass sie keine private Unfallversicherung brauchen. Wir erleben aber täglich im Rahmen unserer Leistungsregulierung, dass Betroffene nach einem Unfall auf professionelle Hilfe angewiesen sind.
Aber braucht es hierfür die private Unfallversicherung? Inwiefern hat sie heute noch eine Existenzberechtigung?
Es liegt in der Verantwortung von Versicherungsunternehmen, Menschen in ihrer Existenz zu sichern und sie in Notsituationen nicht ihrem Schicksal zu überlassen. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung und der damit wachsenden Zahl betagter Mitmenschen einerseits sowie aufgrund der wachsenden Zahl von Single-Haushalten andererseits nimmt der Bedarf an Assistance-Leistungen zu.
Auch die privaten Unfallversicherungen sind mit der Zeit immer komplexer und anspruchsvoller geworden, um den Kunden vollumfänglich Hilfe bieten zu können.
Aber welchen Sinn macht eine private Unfallversicherung aus Kundensicht mit Blick auf den weitergehenden Schutz einer Berufsunfähigkeitsversicherung?
Unfälle verursachen zwar nur acht Prozent aller Berufsunfähigkeiten, führen bei den Betroffenen aber oft zu starken Einschränkungen. Trotz Schnittmengen sind Unfall und Berufsunfähigkeit unterschiedliche Versicherungsbilder mit unterschiedlichen Versicherungslösungen.
Die BU-Versicherung schützt die Kunden während ihres Berufslebens. Für die Unfallversicherung ist hingegen die Versicherbarkeit in jedem Alter von übergeordneter Relevanz. Wir sind auch Anbieter von BU-Versicherungen und legen großen Wert auf den Vollschutz unserer Kunden.
Um den Ernstfall abzusichern, ist eine hohe Progressionsstaffel sinnvoll.
Was empfehlen Sie Versicherungsmaklern, die ihre privaten Unfallversicherungen vermitteln, hinsichtlich der Progressionsstaffel und Gliedertaxe?
Das kommt ganz auf den individuellen Bedarf an. So ist zum Beispiel für einen praktizierenden Musiker eine sehr gute Gliedertaxe, die auch Daumen und Zeigefinger absichert, wichtiger als das eigentliche Deckungskonzept oder die Progression.
Für Beschäftigte in Heilberufen stellen wir zudem eine gesonderte Gliedertaxe zur Auswahl. Um den Ernstfall bestmöglich abzusichern, ist grundsätzlich für alle Kunden eine hohe Progressionsstaffel sinnvoll.
In welchen Zielgruppen sehen Sie besonderes Wachstumspotenzial?
Zukünftig wollen wir verstärkt jüngere Menschen ansprechen und unsere Rolle als Begleiter, Berater und Unterstützer stärker herausstellen. Denn nach einem Unfall brauchen die Betroffenen in der Regel auch Hilfe im Alltag. Beispiele hierfür sind Fahrten zu Ärzten oder zum Einkaufen, das Zubereiten warmer Mahlzeiten, die Kinderbetreuung oder der Wohnungsputz.
Wir bauen den Assistance-Bereich einschließlich Reha-Leistungen aus.
Deswegen werden wir den Assistance-Bereich einschließlich Reha-Leistungen weiter ausbauen. Unsere bisherige Fülle an mehr als 50 Assistance-Leistungen in der Unfallversicherung ist im Markt konkurrenzlos. Insbesondere zielgruppenspezifische Leistungen stellen eine große Hilfe und Erleichterung für die Betroffenen dar.
Einen wachsenden Bedarf hierfür sehen wir durch die zunehmende Zahl von Single-Haushalten: Wer auf sich allein gestellt ist, braucht rasche Hilfe und Unterstützung aus der Unfallversicherung. Aufgrund des demografischen Wandels nimmt zudem die Zahl der Senioren zu, so dass sich hier weiteres Wachstumspotenzial ergibt.
Inwieweit können Sie als reiner Maklerversicherer hiervon profitieren? Den Vertrieb privater Unfallpolicen dominieren bislang die Versicherungsvertreter.
Die Zahl der gebundenen Vermittler nimmt stetig ab, die der Versicherungsmakler zeigt sich hingegen sehr stabil.
Der Vertriebsweg Makler stellt für mich auch zukünftig eine verlässliche Größe dar. Denn ich bin davon überzeugt, dass die persönliche Beratung auch zukünftig einen hohen Stellenwert bei Verbrauchern haben wird und sie weiterhin Wert auf eine unabhängige Beratung legen. Gerade die private Unfallversicherung ist ein Thema, mit dem sich Menschen nicht gern befassen und daher für fachkundigen Rat dankbar sind.
Laut Erhebungen des Branchenverbands GDV steigerten Makler und Mehrfachagenten ihren Anteil im privaten Neugeschäft mit Kompositpolicen zwischen 2020 und 2024 um 6,4 Prozentpunkte auf 23,9 Prozent. Ich erwarte, dass sich dieser Trend fortsetzt.
Blicken wir zum Abschluss in die Zukunft: Was dürfte sich Ihrer Ansicht nach im Vertrieb privater Unfallversicherungen durch Makler verändern?
Künstliche Intelligenz führt hier vor allem zu schnelleren Abläufen, einer besseren Bestimmung von Risikofaktoren, einer beschleunigten Kalkulation und einer schnelleren Bearbeitung von Leistungsfällen.
Makler können sich in der Folge vermehrt denjenigen Dingen zuwenden, die für sie wichtiger sind: Die mitmenschlichen Beziehungen und die Sorgen um die Genesung rücken stärker in den Vordergrund. Speziell in der privaten Unfallversicherung kann moderne Technologie dem Kundenservice also mehr Raum geben und zu einem intensiveren Serviceerleben führen.
Dieses Interview ist ein Auszug aus dem VersicherungsJournal-Extrablatt 3|2026 mit dem Titel „Private Unfallversicherung – Mit welchen Konzepten Vermittler finanzielle Katastrophen verhindern“. Darin geht es auch um Zielgruppen und Verkaufsargumente für Vermittler. Es enthält ebenso Tipps, wie Branchenkollegen Kunden in der Praxis begleiten. Konkret geht es beispielsweise um das Zusammenstellen von Bausteintarifen. Daneben zeigen wir, welche mehr als 30 Policen von mindestens zwei Ratingagenturen die jeweiligen Bestnoten erhalten. Das ganze E-Paper steht im Internet zum Herunterladen (PDF; 3,2 MB) bereit. VersicherungsJournal in gedruckter Form Die VersicherungsJournal-Extrablatt-Ausgaben ergänzen in gedruckter Form die tägliche Online-Berichterstattung. Die zukünftigen Druckausgaben können über dieses Formular bestellt werden. Das Heft ist im Inlandsbezug kostenfrei. |
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