27.7.2026 – Mit der Ernennung des bisherigen CDU-Generalsekretärs zum Ressortchef ist die Hoffnung verbunden, dass das jüngste Sparpaket für die gesetzliche Krankenversicherung erst der Anfang gewesen ist. Im deutschen Gesundheitswesen müssten darüber hinaus die Strukturen aufgebrochen und verändert werden, fordern die Anbieter. Die privaten Versicherer betonen die Themen Generationengerechtigkeit und Eigenverantwortung.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat in einer Pressekonferenz am Freitagmorgen die neuen Mitglieder seines Kabinetts vorgestellt. Demnach soll die bisherige Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) als Bundesministerin für besondere Aufgaben in Zukunft das Kanzleramt leiten.

- Von links: Nina Warken, Friedrich Merz, Philipp Amthor (neuer Staatsminister für die Bund-Länder-Beziehungen im Kanzleramt) und Carsten Linnemann (Bild: Steffen Kugler)
Warken habe in den vergangenen Monaten gezeigt, „dass sie Reformen auch gegen Widerstände durchsetzen kann“, lobte Merz. Sie sei „zudem eine harte Verhandlerin; das haben alle gemerkt, die in den letzten Monaten mit ihr zu tun hatten“.
Vor zwei Wochen haben der Bundestag und der Bundesrat das von Warken geschnürte Reformpaket für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) auf den Weg gebracht (VersicherungsJournal 13.7.2026). Es enthält zahlreiche Maßnahmen, um die Finanzlücken der Krankenkassen zu schließen.
Pflegeversicherung und Strukturreformen im Gesundheitswesen
Zukünftig wird Dr. Carsten Linnemann (CDU) das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) führen. Dies sei für Merz ein zentrales Ressort für die Reformagenda seiner Regierung geworden. Demnach sollen hier noch in der laufenden Wahlperiode „wirklich große Reformvorhaben“ umgesetzt werden.
„Wir müssen den Reformkurs beibehalten“, sagte Merz. Konkret nannte er die gesetzliche Pflegeversicherung und die Strukturen im Gesundheitswesen. „Dafür braucht es einen Minister, der standfest und reformwillig zugleich ist, auch im Gegenwind.“
Dem Einwand, dass der bisherige CDU-Generalsekretär nicht als Gesundheitspolitiker bekannt ist, entgegnete Merz, dass Linnemann diesen Themenbereich in den Koalitionsverhandlungen mitverantwortet habe. „Er weiß also, wovon er spricht.“
Erhöhte Beitragsbemessungs- und Versicherungspflichtgrenzen

- Florian Reuther (Bild: PKV-Verband)
Lob für die Arbeit seiner Amtsvorgängerin kommt auch vom Verband der Privaten Krankenversicherung e.V. Denn Warken habe „den dringend notwendigen Kurswechsel in der Gesundheitspolitik erfolgreich eingeläutet und grundlegende Reformen für ein dauerhaft tragfähiges Gesundheitswesen mutig und tatkräftig vorangetrieben“, sagt PKV-Verbandsdirektor Florian Reuther.
Kritisch an ihrer GKV-Finanzreform sieht der PKV-Verband allerdings, dass sie auch eine außerordentliche Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze enthält (29.4.2026). Zudem wird die Versicherungspflichtgrenze um zusätzliche 3.600 Euro angehoben. Der so erschwerte Wechsel in die private Krankheitskostenvollversicherung schade dem gesamten Gesundheitssystem hierzulande.
Der Branchenverband begrüßt demnach aber Linnemanns Berufung zum Bundesgesundheitsminister. „Mit seinem gesundheits- und sozialpolitischen Bewusstsein für Generationengerechtigkeit und Eigenverantwortung verbindet er Überzeugungen, die auch für die Weiterentwicklung des dualen Krankenversicherungssystems wegweisend sein können“, so Reuther weiter.
Immer noch mehr als 90 Krankenkassen in Deutschland aktiv

- Anzahl der Krankenkassen; Stichtag: 1. Januar (Bild: GKV-Spitzenverband)
Kontrovers diskutiert wurde in den vergangenen Monaten Linnemanns Vorschlag, die Zahl der GKV-Anbieter drastisch zu reduzieren (VersicherungsJournal 16.4.2026). „Wenn ich sehe, dass da Milliarden ausgegeben werden für nichts, weil es keinen Wettbewerb gibt, dann müssen wir da ran, und deswegen sind über 90 Krankenkassen zu viel“, sagte Linnemann.
Laut dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen waren zum jüngsten Jahreswechsel noch 93 Krankenkassen in Deutschland aktiv. Das sind zwar nur zwölf weniger als noch im Jahr 2020, aber 1993 waren es noch 1.128 Körperschaften mehr. In diesem Monat wurden weitere Fusionen bekannt, so dass zwei Krankenkassen vom Markt verschwinden werden (Medienspiegel 7.7.2026).
Die aber immer noch hohe Anbieterzahl könne auch der Wettbewerb nicht rechtfertigen, argumentierte Linnemann: Die Leistungen der GKV seien weitgehend vorgegeben, was den Spielraum für individuelle Angebote stark einschränke. Der promovierte Volkswirt regte daher an, primär kleinere Krankenkassen auszusortieren. Als mögliche Schwelle nannte er 200.000 oder 250.000 Versicherte. „Ich finde, zehn Krankenkassen in Deutschland reichen“, sagte er dem Nachrichtensender NTV.
Zwangsfusionen der GKV-Anbieter als „Ablenkungsmanöver“

- Anne-Kathrin Klemm (BKK Dachverband)
Als „politisches Ablenkungsmanöver, das weder zur Problemlösung beiträgt noch Finanzlöcher stopft“, kritisierte Anne-Kathrin Klemm, Vorständin des BKK Dachverbandes e.V., Linnemanns Forderung.
„Die Kosten im Gesundheitssystem explodieren, und die Qualität der Gesundheitsversorgung stagniert nicht aufgrund der Kassenvielfalt“, erklärte Klemm Mitte April. Vielmehr seien sie die Folge „politischer Versäumnisse der letzten Jahre sowie maßgeblich aufgrund der anhaltenden, überdurchschnittlichen Ausgabensteigerungen in der stationären Versorgung und bei den Arzneimitteln“.
Politisch erzwungene Kassenfusionen allein lösten demnach keine Finanzprobleme. „Wer wirklich sparen will, sollte die strukturellen Stellschrauben angehen, statt immer wieder die gleiche Sau durchs Dorf zu treiben.“ Klemm hofft, dass Linnemann in seiner neuen Rolle eine Neubewertung vornimmt.




