27.5.2026 – Während in der deutschen Wirtschaft die Stimmung laut DIHK-Konjunkturumfrage auf den niedrigsten Stand seit der Coronapandemie gefallen ist, zeigt sich die Versicherungsbranche robust. 55 Prozent der Versicherer bewerten ihre aktuelle Geschäftslage als positiv, kein einziger als negativ. Auch die Geschäftserwartungen bleiben vorsichtig optimistisch. So rechnen mehr Assekuranzen mit einem Beschäftigungsaufbau als mit einem Stellenabbau.
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) hat ihre Konjunkturumfrage für den Frühsommer 2026 vorgelegt. Dafür wurden 23.000 Unternehmen aus allen Branchen und Regionen in Deutschland befragt. Aus der Versicherungswirtschaft beteiligten sich 59 Unternehmen an der Umfrage.
Wiederkehrende Umfrage zur Stimmung in der deutschen Wirtschaft
Die Studie bildet saisonal ab, wie die Unternehmen ihre aktuelle Geschäftslage einschätzen, welche Geschäftserwartungen sie für die kommenden Monate haben und wie sie ihre Investitions- sowie Beschäftigungspläne bewerten. Die Ergebnisse werden dabei als sogenannter Saldo ausgewiesen:
Dafür wird der Anteil negativer Antworten vom Anteil positiver Antworten abgezogen. Ein Beispiel: Bewerten 55 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage als gut und 10 Prozent als schlecht, ergibt sich ein Saldo von plus 45 Punkten. Werte über null sprechen damit für eine insgesamt positive Stimmung, Werte unter null für eine eher negative Einschätzung.
Stimmung so schlecht wie in der Hochphase der Coronapandemie
In der deutschen Wirtschaft nimmt die DIHK eine deutliche Krisenstimmung wahr. Mehr als jedes vierte Unternehmen (26 Prozent) bewertet seine Geschäftslage als schlecht. Nur 23 Prozent berichten von einer guten Lage. Daraus ergibt sich ein negativer Saldo von minus drei Punkten.
So schlecht fiel die Stimmung zuletzt während der Coronapandemie aus, als Lockdowns und unterbrochene Lieferketten die Wirtschaft massiv belasteten. Im Frühsommer 2020 lag der Saldo sogar bei minus 26 Punkten. Seit Beginn des Jahres 2021 wurden jedoch durchgehend bessere Werte gemessen als aktuell.
Wir stecken in einer Doppelkrise (…). Geschwächt durch drei Jahre Rezession und Stagnation fühlen sich viele an ihrer Belastungsgrenze.
Helena Melnikov, DIHK
Pessimistischer Blick in die Zukunft
Ähnlich pessimistisch blicken die Unternehmen in die Zukunft: 33 Prozent rechnen damit, dass sich die Geschäftslage innerhalb der nächsten zwölf Monate verschlechtert, nur 13 Prozent gehen von einer Verbesserung aus – ein negativer Saldo von -20.
Als größte Geschäftsrisiken nennen die Unternehmen hohe Energie- und Rohstoffpreise (70 Prozent), die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen (58 Prozent) sowie steigende Arbeitskosten (56 Prozent).
„Wir stecken in einer Doppelkrise“, erklärt DIHK-Hauptgeschäftsführerin Dr. Helena Melnikov. „Zu den Strukturproblemen in Deutschland kommen die wirtschaftlichen Folgen des Krieges im Nahen Osten hinzu. Geschwächt durch drei Jahre Rezession und Stagnation fühlen sich viele an ihrer Belastungsgrenze.“
Anders als in früheren Krisen hätten viele Betriebe kaum noch Reserven, um den Belastungen etwas entgegenzusetzen, erklärt Melnikov weiter. „Wir leben in Deutschland von der Substanz“, sagt sie. Sie fordert schnelle Reformen: Die wirtschaftlichen Probleme seien teilweise hausgemacht und im ersten Jahr der Merz-Regierung seien wichtige Weichenstellungen versäumt worden.
Versicherungswirtschaft: aktuelle Geschäftslage sehr positiv
Blickt man allein auf die Versicherungswirtschaft, zeigt sich ein nahezu gegensätzliches Bild zur Gesamtwirtschaft. 55 Prozent der Versicherer bewerten ihre aktuelle Geschäftslage als gut, kein einziges Unternehmen als schlecht. Mit einem Saldo von plus 55 Punkten zählt die Branche zu den Bereichen mit der besten Geschäftslage: Ein ähnlich hoher Wert wurde zuletzt 2018 erreicht.
Deutlich verhaltener fallen die Geschäftserwartungen aus – wenn auch weiterhin mit positiver Tendenz. Exakt jedes fünfte Versicherungsunternehmen rechnet in den kommenden zwölf Monaten mit einer besseren Geschäftslage, 13 Prozent erwarten eine Verschlechterung. Daraus ergibt sich ein Erwartungssaldo von plus sieben Punkten.
Allerdings zeigen sich Unterschiede zwischen Lebens- sowie Schaden- und Unfallversicherung. So bewerten 59 Prozent der Lebensversicherer ihre aktuelle Geschäftslage positiv, gegenüber 51 Prozent im Schaden- und Unfallsegment.
Auch bei den Geschäftserwartungen weichen die Einschätzungen deutlich voneinander ab: Während in der Lebensversicherung acht Prozent der Unternehmen mit einer Verbesserung rechnen und kein Unternehmen eine Verschlechterung erwartet, rechnen im Schaden- und Unfallbereich 21 Prozent mit einer besseren und 22 Prozent mit einer schlechteren Geschäftslage.
Optimistische Stimmung in der Versicherungswirtschaft
Das sogenannte Geschäftsklima fasst die Einschätzungen zur aktuellen Geschäftslage und zu den Geschäftserwartungen zusammen. Berechnet wird es als Saldo aus positiven und negativen Antworten der Unternehmen – ein positiver Wert signalisiert somit eine überwiegend optimistische, ein negativer Wert eine eher pessimistische Grundstimmung.
Das Geschäftsklima in der Versicherungswirtschaft zeigt sich aktuell deutlich aufgehellt, nachdem es zuvor spürbar eingebrochen war. Nach einem Tiefpunkt von fünf Punkten Anfang 2026 steigt der Indikator im Frühsommer 2026 wieder kräftig auf 33 Punkte. Es ist der zweithöchste Wert innerhalb der letzten fünf Jahre.
In der Lebensversicherung ergibt sich daraus ein Klimawert von +34 Punkten, getragen von einer sehr positiven Lage und leicht positiven Erwartungen. Im Schaden- und Unfallsegment liegt das Geschäftsklima mit etwa 25 Punkten niedriger, da die Erwartungen nahezu ausgeglichen sind und damit dämpfend wirken.
Gründe für die robuste Stimmung in der Versicherungswirtschaft nennt die Studie nicht. Allerdings gilt die Branche generell als weniger konjunkturanfällig als viele andere Wirtschaftszweige, da Versicherer über langfristige Vertragsbeziehungen und regelmäßige Beitragseinnahmen verfügen. Zudem ist die Branche weniger stark von hohen Energiepreisen betroffen als etwa Industrieunternehmen.
Jeder fünfte Versicherer will mehr investieren
Entsprechend des positiven Stimmungsbilds schneidet die Versicherungswirtschaft auch bei den Investitionsabsichten besser ab als die Gesamtwirtschaft.
24 Prozent der Versicherer planen, ihre Investitionen zu erhöhen, nur sechs Prozent wollen sie reduzieren. 70 Prozent der Versicherer gehen von unveränderten Investitionen aus. Daraus ergibt sich ein positiver Saldo von 18 Punkten, der jedoch deutlich unter dem Wert vom Jahresbeginn (43 Punkte) liegt.
In der Gesamtwirtschaft zeigt sich ein deutlich schwächeres Bild: Zwar wollen auch hier 23 Prozent der Unternehmen ihre Investitionen ausweiten, 34 Prozent planen jedoch Kürzungen. Der Saldo fällt damit auf minus elf Punkte: der schlechteste Wert seit dem Herbst 2020.
Leicht positive Beschäftigungserwartung in der Versicherungsbranche
Die Beschäftigungsabsichten in der Versicherungswirtschaft zeichnen ein insgesamt stabiles, zugleich aber gespaltenes Bild.
16 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, dass ihre Belegschaft in den kommenden zwölf Monaten wachsen wird, während 74 Prozent von unveränderten Beschäftigtenzahlen ausgehen. Jeder zehnte Versicherer rechnet hingegen mit einem Rückgang der Mitarbeiterzahl. Der Saldo ist mit einem Wert von sechs leicht positiv.
Lebensversicherer rechnen mit einer Zunahme der Beschäftigtenzahl
Auffallend ist, dass insbesondere die Lebensversicherer wieder tendenziell einen Beschäftigungsaufbau erwarten, nachdem sie bei der letzten Umfrage noch eher von Stellenabbau ausgegangen waren (VersicherungsJournal 23.2.2026). 28 Prozent rechnen mit einem Personalzuwachs, 17 Prozent mit einem Rückgang. Daraus ergibt sich ein Saldo von elf Punkten.
In der Schaden- und Unfallversicherung rechnet knapp jedes vierte Unternehmen mit einem Beschäftigungsaufbau, während nur fünf Prozent einen Personalabbau erwarten.
Deutlich wird auch hier der Unterschied zur Gesamtwirtschaft: Über alle Branchen hinweg gehen lediglich zehn Prozent der Unternehmen von einem Anstieg der Beschäftigtenzahl aus, während 24 Prozent einen Rückgang erwarten.







