Provinzial: „Die Hälfte der Mitarbeiter wird den Konzern altersbedingt verlassen“

13.5.2026 – Die Provinzial setzt verstärkt auf die Automatisierung von Routineaufgaben. Eine Rolle spielen dabei sogenannte „Citizen Developer“ – speziell geschulte Mitarbeiter, die Robotik-Prozesse in ihren Fachbereichen begleiten und weiterentwickeln sollen. Doch welche Ziele verfolgt der Versicherer damit konkret? Und welche Auswirkungen könnte dies langfristig auf die Beschäftigten haben – droht gar ein Stellenabbau? Das VersicherungsJournal hat nachgefragt.

Die Versicherungsbranche steht vor tiefgreifenden Transformationsprozessen. Künstliche Intelligenz, Automatisierung und Robotik halten inzwischen in nahezu allen Bereichen Einzug – von der Kundenkommunikation bis hin zur Bearbeitung standardisierter Routinevorgänge.

Noch steht die Entwicklung vielerorts am Anfang. Gleichzeitig wächst die Sorge vor den Folgen für Beschäftigte: Die Ergo Deutschland AG kündigte jüngst den Abbau von rund 1.000 Stellen an (VersicherungsJournal 19.2.2026), während die Ver.di – Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft einen „Tarifvertrag Transformation“ fordert, um Arbeitnehmern Mitsprache zu sichern (27.2.2026).

Provinzial will mit Hilfe geschulter Mitarbeiter Routineaufgaben automatisieren

Vor wenigen Tagen berichtete auch der Provinzial-Konzern in einer Pressemitteilung über seine Transformationsbestrebungen. Eine Rolle spielen dabei sogenannte „Citizen Developer“ – speziell geschulte Fachmitarbeiter ohne klassische IT-Ausbildung, die im Arbeitsalltag wiederkehrende Abläufe identifizieren und diese mithilfe von Software selbst automatisieren.

Das Konzept des „Citizen Developers“ stammt aus der Idee, dass Digitalisierung und Automatisierung nicht mehr ausschließlich Aufgabe klassischer IT-Abteilungen sein sollen. Stattdessen sollen auch Mitarbeiter aus den Fachbereichen selbst kleinere Softwarelösungen oder Automatisierungen entwickeln können – mithilfe sogenannter Low-Code- oder No-Code-Plattformen.

Dabei handelt es sich um Anwendungen, mit denen sich digitale Abläufe per Baukastenprinzip zusammenstellen und anpassen lassen, ohne dass die Mitarbeiter über vertiefende Programmierkenntnisse verfügen müssen. Ursprünglich war die Idee, dass auch Endnutzer solche Anpassungen vornehmen können, womit sich auch die deutsche Übersetzung „Bürgerentwickler“ erklärt.

Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern

Aktuell seien mehr als 20 Citizen Developer in mehr als 30 Anwendungsfällen im Einsatz, berichtet der öffentliche Versicherer – das umfasse unter anderem den Vertragsservice, das Prozess- und Qualitätsmanagement und die Migration großer Vertragsbestände. Für die Umsetzung arbeitet die Provinzial mit externen Anbietern zusammen:

  • Die Plattform für die sogenannte Robotic Process Automation (RPA) wird von der Uipath, Inc. bereitgestellt, einem im Jahr 2005 in Bukarest gegründeten Softwareunternehmen, das seinen Hauptsitz mittlerweile in New York hat. Die Lösungen des Unternehmens werden heute in mehr als 100 Ländern eingesetzt und dienen vor allem der Automatisierung von Geschäftsprozessen.
  • Das Schulungsprogramm wurde gemeinsam mit der T-Systems International GmbH erarbeitet, einer Tochter der Deutschen Telekom AG.

Die Projekte entstehen in enger Abstimmung mit der IT und dem Automation-Team, das Governance, Sicherheit und technische Standards sicherstelle, so betont der Versicherer.

„Unsere Digitalisierung steht bewusst auf mehreren Säulen: Wir investieren in moderne Kernsysteme, digitale Services, KI und datenbasierte Lösungen – und ergänzen dies durch intelligente Automatisierungen direkt aus den Fachbereichen“, sagt Dr. Rainer Sommer, Vorstand für Vertragsservice & Schaden Komposit und Technologie im Provinzial-Konzern.

Rund die Hälfte unserer Mitarbeitenden wird in den nächsten zehn Jahren altersbedingt aus dem Unternehmen ausscheiden. Vor dem Hintergrund (…) ist eine vollständige Nachbesetzung (…) realistisch kaum möglich.

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Die Hälfte der Belegschaft wird aus dem Konzern ausscheiden

Rainer Sommer (Bild: Provinzial)
Rainer Sommer (Bild: Provinzial)

Doch was bedeuten derartige Initiativen für die knapp 6.000 Mitarbeiter des öffentlichen Versicherers? Mit der zunehmenden Automatisierung stellt sich auch die Frage, in welchem Umfang Aufgaben künftig wegfallen könnten. Vor diesem Hintergrund hat das VersicherungsJournal nachgefragt, ob die Digitalisierung auch mit einem möglichen Stellenabbau verbunden ist.

„Rund die Hälfte unserer Mitarbeitenden wird in den nächsten zehn Jahren altersbedingt aus dem Unternehmen ausscheiden. Vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftemangels ist eine vollständige Nachbesetzung dieser Stellen realistisch kaum möglich“, teilt ein Provinzial-Sprecher hierzu dem VersicherungsJournal mit.

„Der verstärkte Einsatz von Technologie, insbesondere Automatisierungstechnologien wie RPA und künstlicher Intelligenz, ist daher die folgerichtige Reaktion auf diese Entwicklungen“, so der Sprecher weiter. Der damit verbundene Umbau werde sich über viele Jahre hinweg vollziehen und stehe im Zusammenhang mit der demografischen Entwicklung.

Zugleich verweist der Sprecher darauf, dass sich Servicemitarbeiter durch die Automatisierung repetitiver Aufgaben stärker auf die Anfragen von Kunden und Vertriebspartnern konzentrieren könnten.

Wir setzen auch künftig auf ein hybrides Vertriebsmodell, bei dem unsere Agenturen weiterhin das Rückgrat in den Regionen bleiben.

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Keine Standortschließungen geplant

Auswirkungen auf die Standortstruktur und das regionale Vertriebsnetz mit über tausend Agenturen soll die Automatisierung jedoch nicht haben, so berichtet der Sprecher weiter.

„Wir setzen auch künftig auf ein hybrides Vertriebsmodell, bei dem unsere Agenturen weiterhin das Rückgrat in den Regionen bleiben. Durch RPA und KI haben diese nun noch mehr Zeit zur Verfügung, um sich den Anliegen unserer Kunden zu widmen“, sagt er.

Die Provinzial hat sich als Versicherer mit starker regionaler Verankerung und persönlichen Ansprechpartnern vor Ort etabliert und kooperiert eng mit der Sparkassen-Finanzgruppe.

Diese Struktur spiegelt sich auch in der Marktposition in einzelnen Segmenten wider: In der Wohngebäudeversicherung zählt der Versicherer mit gebuchten Bruttoprämien von 1,54 Milliarden Euro und mehr als 1,1 Millionen Verträgen zu den drei größten Anbietern in Deutschland (12.5.2026). Besonders stark ist die Marktstellung in Kernregionen wie Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein oder Hamburg.

Umschulungen sollen Mitarbeiter für neue Aufgaben befähigen

Wenn Aufgaben wegfallen, sollen die Mitarbeiter nach Angaben des Konzerns durch gezielte Qualifizierungs- und Weiterbildungsprogramme umgeschult werden. Der Versicherer verweist zudem auf konkrete Anwendungsbeispiele, in denen KI und Automatisierung bereits heute eingesetzt werden:

  • Wiederkehrende Vorgänge: Standardisierte Routineprozesse, die immer nach demselben Muster ablaufen, sollen künftig automatisiert erledigt werden. Mitarbeiter müssten diese Abläufe nicht mehr manuell durchklicken und könnten so mehr Zeit für anspruchsvollere Aufgaben haben.
  • Massenerfassung und Migration von Verträgen: Bei der Übernahme großer Vertragsbestände – etwa bei Systemwechseln oder Datenübertragungen – übernähmen Software-Anwendungen die Erfassung und Übertragung der Daten. Statt tausender manueller Einzelbuchungen liefen die Vorgänge automatisiert im Hintergrund.
  • Automatisierte Datentransfers: Roboter würden Daten aus verschiedenen Quellen auslesen, prüfen und in die Zielsysteme übertragen. Das solle manuelle Fehler reduzieren und Bearbeitungszeiten beschleunigen, so die Provinzial.
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