Wenn bei wachsendem Erfolg der eigene Schreibtisch zum Engpass wird

27.8.2026 – Die Schreibtischarbeit kann einem über den Kopf wachsen, wenn zu viele unterschiedliche Aufgaben dauerhaft bei einer einzigen Person zusammenlaufen. Mit wachsender unternehmerischer Verantwortung kommen dann neue Fragen auf: Muss ich etwas selbst machen, nur weil ich es kann und bisher immer gemacht habe? Oder gibt es Menschen, deren Kompetenzen ich nutzen kann und dadurch gleichzeitig mehr Raum für meine eigenen Stärken und die Entwicklung meines Unternehmens gewinne? Ein Beitrag von Personalcoach Katarina Schmitz.

Im ersten Beitrag dieser Serie (VersicherungsJournal 17.8.2026) ging es um die grundsätzliche Frage: Bin ich bereit, Unternehmer zu sein? Wenn diese Frage einmal für sich beantwortet ist und der Vermittlerbetrieb wächst, zeigt sich die Veränderung häufig sehr konkret im Alltag. Mehr Kunden, mehr Geschäft, vielleicht erste Mitarbeiter – und gleichzeitig immer mehr Aufgaben, die auf dem eigenen Schreibtisch landen.

Katarina Schmitz (Bild: privat)
Katarina Schmitz (Bild: privat)

Viele Vermittler bleiben dabei zunächst in einer Rolle, die sie über Jahre erfolgreich gemacht hat: Sie sind vor allem im operativen Tun. Sie beraten Kunden, erstellen Angebote, kümmern sich um Termine, bereiten Gespräche nach, organisieren Unterlagen und erledigen Verwaltungsaufgaben.

Das kann lange gut funktionieren. Doch irgendwann stellt sich die Frage: Trägt meine bisherige Arbeitsweise eigentlich noch zu der Entwicklung, die ich für meinen Betrieb anstrebe?

Wenn Erfolg plötzlich mehr Aufgaben bedeutet

Ein voller Schreibtisch ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Gerade erfolgreiche Vermittler haben viel zu tun.

Spannend wird es aus meiner Sicht dann, wenn das operative Tagesgeschäft kaum noch Raum für andere Aufgaben lässt. Wenn ständig etwas erledigt werden muss, die Tage immer voller werden und gleichzeitig das Gefühl entsteht, trotzdem nicht allem gerecht zu werden.

Denn mit der Entwicklung vom Vermittler zum Unternehmer kommen neue Aufgaben hinzu. Neben der Arbeit mit Kunden geht es zunehmend darum, den eigenen Betrieb weiterzuentwickeln, Entscheidungen zu treffen, Strukturen zu schaffen und sich mit der Frage zu beschäftigen, wohin sich das Unternehmen künftig entwickeln soll.

Dafür braucht es vor allem eines: Zeit. Eine hilfreiche Reflexionsfrage kann deshalb sein: Wie viel meiner Arbeitszeit verbringe ich heute mit Aufgaben, bei denen meine persönliche Kompetenz tatsächlich gefragt ist, und wie viel mit Dingen, die auch jemand anderes übernehmen könnte?

Warum das Selbermachen so naheliegt

Dass erfolgreiche Vermittler lange an ihrer bisherigen Arbeitsweise festhalten, ist zunächst sehr nachvollziehbar. Sie haben über Jahre ihre eigenen Abläufe entwickelt. Sie wissen, wie ein Angebot erstellt wird, wie sie ihre Kundentermine vorbereiten, wie ihre Unterlagen organisiert werden und welche Schritte nach einem Gespräch notwendig sind.

Diese Abläufe funktionieren, sonst wären sie damit vermutlich nicht erfolgreich geworden. Und natürlich entsteht dadurch auch Vertrauen in die eigene Arbeitsweise. Denn wenn etwas über Jahre selbstverständlich selbst erledigt wurde, ist es nicht automatisch leicht, plötzlich darüber nachzudenken, diese Aufgabe in andere Hände zu geben.

Hinzu kommt ein Gedanke, den wahrscheinlich viele kennen: „Bis ich das erklärt habe, habe ich es selbst gemacht.“ Kurzfristig mag das sogar stimmen. Langfristig lohnt sich jedoch die Frage, ob genau diese Denkweise irgendwann dazu führt, dass der eigene Schreibtisch zum Engpass für die weitere Entwicklung wird.

Wofür wird die eigene Zeit gebraucht?

Eine der spannendsten Fragen ist deshalb aus meiner Sicht: Wofür wird meine Zeit als Vermittler und Unternehmer wirklich gebraucht?

Die Arbeit mit Menschen und Kunden bleibt dabei ein wesentlicher Bestandteil. Bestandskunden weiterzuentwickeln, neue Kunden zu gewinnen, zu beraten und Beziehungen aufzubauen – genau hier liegen häufig die besonderen Stärken erfolgreicher Vermittler.

Mit der Unternehmerrolle kommt zusätzlich eine weitere Ebene hinzu: den eigenen Betrieb strategisch zu betrachten und weiterzuentwickeln.

Daneben gibt es zahlreiche Aufgaben im täglichen Ablauf: Terminierung, Angebotserstellung, Vor- und Nachbereitung von Kundengesprächen, Unterlagen zusammenstellen, Verwaltung oder Organisation.

Was ist eigentlich meine Kernaufgabe?

Dabei geht es nicht darum, pauschal festzulegen, welche dieser Aufgaben ein Vermittler selbst erledigen darf und welche nicht. Viel interessanter ist die individuelle Betrachtung:

  • Was ist meine Kernkompetenz?
  • Bei welchen Aufgaben entsteht durch meine persönliche Arbeit der größte Mehrwert?
  • Und welche Aufgaben könnten Menschen übernehmen, deren Stärke vielleicht genau dort liegt?

Terminierung ist dafür ein einfaches Beispiel. Was für den einen Vermittler eine wiederkehrende Aufgabe ist, die Zeit bindet, kann für einen anderen Menschen genau die Tätigkeit sein, die ihm liegt und die er besonders gut und gerne erledigt.

Unternehmerische Entwicklung kann deshalb auch bedeuten, nicht mehr jede Aufgabe danach zu beurteilen, ob man sie selbst erledigen kann, sondern danach, wo sie am sinnvollsten aufgehoben ist.

Erst einmal hinschauen, bevor man etwas verändert

Wenn Vermittler merken, dass ihre bisherige Arbeitsweise an Grenzen kommt, muss nicht sofort alles neu organisiert werden. Der erste Schritt kann viel kleiner sein: den eigenen Alltag bewusst zu betrachten:

  • Welche Aufgaben beschäftigen mich regelmäßig?
  • Was davon gehört tatsächlich zu meiner Kernkompetenz?
  • Welche Tätigkeiten kosten mich viel Zeit?
  • Und wo möchte ich meine Zeit künftig stärker einsetzen?

Auch die eigenen Prozesse einmal sichtbar zu machen, kann bereits neue Erkenntnisse bringen. Denn vieles, was täglich selbstverständlich erledigt wird, wird irgendwann kaum noch hinterfragt. Gerade dann lohnt sich ein neuer Blick darauf.

Fragen, die den eigenen Schreibtisch verändern können

Vielleicht helfen deshalb einige ganz einfache Fragen zur Reflexion:

  • Welche Aufgaben kann wirklich nur ich übernehmen?
  • Welche Aufgaben erledige ich hauptsächlich deshalb selbst, weil ich es schon immer so gemacht habe?
  • Wo liegt meine größte Stärke und wie viel Zeit verbringe ich tatsächlich damit?
  • Welche Aufgaben könnten andere Menschen möglicherweise sogar besser übernehmen als ich?
  • Und wenn mein Unternehmen weiterwächst: Würde meine heutige Arbeitsweise dann immer noch funktionieren?

Es geht dabei nicht darum, möglichst viele Aufgaben abzugeben. Es geht zunächst darum, Klarheit darüber zu gewinnen, welche Rolle man selbst künftig im eigenen Unternehmen einnehmen möchte.

Nicht mehr alles selbst machen zu müssen, beginnt mit Klarheit

Der eigene Schreibtisch wird nicht zwangsläufig deshalb zum Engpass, weil zu viel Arbeit vorhanden ist. Er kann zum Engpass werden, wenn zu viele unterschiedliche Aufgaben dauerhaft bei einer einzigen Person zusammenlaufen.

Gerade für erfolgreiche Vermittler ist das eine besondere Veränderung. Denn vieles von dem, was sie heute tun, hat über Jahre gut funktioniert und zu ihrem Erfolg beigetragen.

Mit wachsender unternehmerischer Verantwortung darf jedoch eine neue Frage hinzukommen: Muss ich etwas selbst machen, nur weil ich es kann und bisher immer gemacht habe? Oder gibt es Menschen, deren Kompetenzen ich nutzen kann und dadurch gleichzeitig mehr Raum für meine eigenen Stärken und die Entwicklung meines Unternehmens gewinne?

Die Antwort darauf sieht in jedem Vermittlerbetrieb anders aus. Entscheidend ist zunächst, sich diese Fragen überhaupt zu stellen. Denn zu erkennen, was künftig auf dem eigenen Schreibtisch bleiben soll und was nicht, ist der erste Schritt.

Wie aus dieser Erkenntnis anschließend echtes Delegieren wird und warum Aufgaben abgeben allein noch nicht bedeutet, Verantwortung erfolgreich zu übertragen, darum geht es im nächsten Beitrag der Serie „Vom Vermittler zum Unternehmer“.

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Katarina Schmitz

Die Autorin hat im Innen- und Außendienst, in der Führung sowie in der Ausbildungsleitung gearbeitet. Sie ist heute IHK-Prüferin, Dozentin und Gründerin der KS Assekuranz Akademie, die Personalentwicklung für Versicherungsunternehmen und Maklerbetriebe anbietet.

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