4.9.2026 – Die Lebensversicherung entwickelt sich 2026 voraussichtlich deutlich schwächer als noch zu Jahresbeginn erwartet. Der GDV korrigiert seine Beitragsprognose nach unten und rechnet nun sogar damit, dass die gebuchten Bruttobeiträge des deutschen Marktes deutlich unter dem Vorjahreswert liegen. Die Schaden- und Unfallversicherung bleibe hingegen weitgehend auf Wachstumskurs.
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) rechnet entgegen seiner ursprünglichen Jahresprognose für 2026 mit sinkenden Beitragseinnahmen in der deutschen Lebensversicherung.
Das geht aus der Analyse „Geopolitik, KI und Staatsschulden – Die neuen Bruchlinien der Finanzstabilität“ (PDF, 2,24 MB) von Dr. Anja Theis hervor. Darin beschäftigt sich die Ökonomin schwerpunktmäßig mit der Finanzstabilität im aktuellen Marktumfeld und den Auswirkungen auf die Versicherungswirtschaft.
Lebensversicherer erwarten Beitragsrückgang von 3,7 Prozent
Im Februar hatte der GDV auf seiner Jahresmedienkonferenz für die deutschen Lebensversicherer noch ein Beitragswachstum von 1,1 Prozent prognostiziert (VersicherungsJournal 4.2.2026). Diese Schätzung muss der Verband nun deutlich nach unten korrigieren:
Für das laufende Geschäftsjahr sei ein Rückgang der Beitragseinnahmen um 3,7 Prozent gegenüber 2025 zu erwarten. Damit liegt die aktuelle Prognose 4,8 Prozentpunkte unter der ursprünglichen Erwartung.
Schwache Konjunktur und Irankrieg dämpfen Nachfrage
Als Grund nennt Theis die schwächere Nachfrage nach Lebensversicherungen vor dem Hintergrund des Irankonflikts und der Strukturkrise des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Belastend wirkten unter anderem sinkende Realeinkommen und die schwächere Entwicklung am Arbeitsmarkt.
Beides schränke den finanziellen Spielraum der Verbraucher für die private Altersvorsorge ein und erhöhe zugleich die Unsicherheit über die eigene finanzielle Zukunft.
So ist die Inflation in Deutschland laut dem Statistischen Bundesamt (Destatis) in den Sommermonaten gestiegen, unter anderem aufgrund höherer Energiepreise. Waren und Dienstleistungen verteuerten sich im August um 2,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat – nach 2,8 Prozent im Juli und 2,3 Prozent im Juni.
Die Zahl der Arbeitslosen stieg im August um 54.000 auf 3,061 Millionen. Die Arbeitslosenquote lag im ersten Halbjahr 2026 laut Destatis meist leicht über den Vorjahreswerten. Für zusätzliche Unsicherheit sorgen Schlagzeilen über Stellenabbau in wichtigen Branchen: So rechnet der Verband der Automobilindustrie e.V. (VDA) bis 2035 mit dem Verlust von 225.000 Arbeitsplätzen in der Branche.
Wettbewerbsnachteile gegenüber Bankeinlagen
Zudem habe die Erhöhung der Leitzinsen im Juni die relative Wettbewerbsposition der Lebensversicherer gegenüber Bankeinlagen beeinträchtigt. Die Europäische Zentralbank hatte die drei Leitzinsen um jeweils 25 Basispunkte angehoben, um der infolge des Irankonflikts gestiegenen Inflation im Euroraum entgegenzuwirken.
Banken können die gestiegenen Marktzinsen schneller an ihre Kunden weitergeben, während Lebensversicherer langfristig investieren und sich höhere Zinsen daher langsamer in der Kundenverzinsung niederschlagen. Das wirke sich vor allem auf Lebensversicherungen gegen Einmalbeitrag aus: Hier erwartet Theis einen Beitragsrückgang von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Als weiteren Grund nennt die Expertin, dass Interessierte ihre Entscheidung für eine Altersvorsorge auf das kommende Jahr verschieben könnten, um von der neuen staatlichen Förderung durch die Reform der privaten Altersvorsorge ab dem 1. Januar 2027 zu profitieren (8.5.2026). Unter günstigen Bedingungen könnten die Lebensversicherer die Einbußen im kommenden Jahr wieder aufholen.
In der Schaden- und Unfallversicherung hält der GDV weitestgehend an seiner Prognose vom Jahresanfang fest. Demnach sei nach den Halbjahreszahlen ein Beitragswachstum von 5,1 Prozent zu erwarten – 0,1 Prozentpunkte weniger als ursprünglich prognostiziert.
Wie die deutschen Erstversicherer ihr Geld anlegen
Theis blickt darüber hinaus darauf, wie die deutschen Erstversicherer ihr Geld anlegen. Demnach entfielen zum Jahresende 2025 rund 75,2 Prozent ihrer Kapitalanlagen auf festverzinsliche Anlagen beziehungsweise Rentenpapiere. Das war ein leichter Rückgang gegenüber 2024, als der Anteil bei 75,8 Prozent lag.
Die durchschnittliche Restlaufzeit der Papiere betrage mehr als zehn Jahre. Der überwiegende Teil weise zudem eine hohe Kreditqualität (Investment Grade) auf. Aktienanlagen machten dagegen 2025 lediglich 5,5 Prozent des Portfolios aus (Vorjahr: 5,1 Prozent). Auf Beteiligungen entfielen 12,4 Prozent und auf Immobilienanlagen 4,6 Prozent.

- Kapitalanlage-Struktur der deutschen Erstversicherer Ende 2025 (Bild: GDV)
Geopolitische Risiken bedeuten Risiken und Chancen
Die aktuellen geopolitischen Entwicklungen bergen für die Kapitalanlagen der Versicherer sowohl Risiken als auch Chancen, schlussfolgert Theis. Belastend wirken insbesondere die starken Schwankungen an den Finanzmärkten und teilweise hohen Bewertungen von Vermögenswerten.
Zudem könnten sich die Kreditrisiken der Versicherer erhöhen, wenn sich die wirtschaftlichen Aussichten weiter eintrüben.
Positiv wirke dagegen das gestiegene Zinsniveau. Bei der Neuanlage von Kapital könnten die Versicherer dadurch höhere Zinserträge erzielen.




