25.6.2026 – Die deutschen Lebensversicherer haben laut einer Analyse von Assekurata ihre Profitabilität 2025 weiter gesteigert und verfügen über eine robuste Kapital- und Solvenzausstattung. Herausforderungen sieht das Analysehaus jedoch auf der Kostenseite: Mit Inkrafttreten der Altersvorsorgereform könnten hohe Stückkosten zum Wettbewerbsnachteil gegenüber neuen Konkurrenten werden.
Die Assekurata Assekuranz Rating-Agentur GmbH hat ihren aktuellen „Marktausblick zur Lebensversicherung 2026“ vorgelegt. Die Analysten blicken darauf, wie sich Ertragslage, Solvenz, Kosten und Wettbewerb entwickelt haben – und blicken voraus, wie sie sich in den kommenden Jahren entwickeln könnten.
Vertragszahl sank, Beitragseinnahmen stiegen
Nach vorläufigen Zahlen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) sind zwar die Beitragseinnahmen der deutschen Lebensversicherer 2025 von 94,6 auf 99,4 Milliarden Euro gestiegen – ein Plus von 5,1 Prozent.
Zugleich sank aber der Vertragsbestand binnen Jahresfrist von 84,3 Millionen auf 82,8 Millionen Policen, ein Rückgang um 1,7 Prozent. Bereits in den Jahren zuvor war die Vertragszahl rückläufig (VersicherungsJournal 27.6.2025).
Lebensversicherung weiterhin stark vom Zinsumfeld abhängig
Nach Angaben der Analysten bleibt das Geschäft der Lebensversicherer stark vom Zinsumfeld abhängig, da sie rund 80 Prozent ihrer Kapitalanlagen in festverzinslichen Papieren halten. Erstmals seit drei Jahren hat die Europäische Zentralbank (EZB) im Juni 2026 die Leitzinsen wieder erhöht; der für den geldpolitischen Kurs zentrale Einlagesatz stieg um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent.
Mit dem höheren Leitzins haben die Euro-Währungshüter auf eine drohende Inflation infolge steigender Energiepreise reagiert. Mit 3,2 Prozent lag die Teuerung in der Eurozone im Mai 2026 deutlich über dem anvisierten Zwei-Prozent-Ziel.
Höhere Zinsen stärken die Neuanlagerenditen und entlasten die Finanzierung der Garantien. Sie belasten aber die Marktwerte bestehender Anleiheportfolios.
Lars Heermann, Assekurata
Stille Lasten der Lebensversicherer liegen bei 100 Milliarden Euro

- Lars Heermann (Bild: Guido Schiefer)
Sollten die Kapitalmarktzinsen weiter steigen, wäre das für die Lebensversicherer ambivalent, schreibt Lars Heermann, Analyst bei Assekurata. „Höhere Zinsen stärken die Neuanlagerenditen und entlasten die Finanzierung der Garantien. Sie belasten aber die Marktwerte bestehender Anleiheportfolios, wodurch sich die hohen stillen Lasten verfestigen würden“, so der Experte.
Ein solcher Effekt habe sich bereits zum Bilanzstichtag 2025 gezeigt, als die stillen Lasten der Branche mit rund 100 Milliarden Euro wieder nahezu den Höchstwert von 2022 erreicht hätten und damit die Ertragsflexibilität stark eingeschränkt hätten.
Stille Lasten entstehen, wenn der Marktwert von Anleihen unter ihren Bilanzwert fällt. Zwar müssen die Versicherer diese Verluste nicht realisieren, solange sie die Papiere bis zur Fälligkeit halten, da sie einen festen Endwert haben. Sie belasten jedoch die Kapitalausstattung. Zudem können Versicherer gezwungen sein, Anleihen vorzeitig zu verkaufen und die Verluste tatsächlich zu realisieren.
Lebensversicherer profitieren von ertragreicherer Neuanlage
Auf der anderen Seite können die Lebensversicherer höhere Neuanlagerenditen erzielen, da neu ausgegebene Anleihen wieder höhere Zinsen abwerfen. Auch profitieren sie von Rückflüssen aus der Zinszusatzreserve (ZZR), weil höhere Kapitalmarktzinsen die Finanzierung der Garantiezusagen erleichtern.
So sank die ZZR nach Berechnungen von Assekurata von 88 Milliarden Euro zum Jahresende 2023 auf weniger als 80 Milliarden Euro zum Jahresende 2025. Ihren Höchststand hatte die gesetzlich vorgeschriebene Reserve im Jahr 2021 mit 96 Milliarden Euro erreicht – als die anhaltende Niedrigzinsphase die Branche zu zusätzlichen Rückstellungen zwang (29.6.2022).
Die verbesserte Ertragslage zeigt sich auch in der bilanziellen Umsatzrendite, die laut den Analysten zuletzt bei rund 18 Prozent lag – nach 17,9 Prozent im Vorjahr und 16,8 Prozent im Jahr 2023. Damit setzt sich der seit mehreren Jahren anhaltende Aufwärtstrend fort. Ihren niedrigsten Wert erreichte sie 2016 mit 9,3 Prozent.

- Aussichten der Lebensversicherer (Bild: Assekurata). Zum Vergrößern Bild klicken.
Lebensversicherer stehen stabil da
Auch die Solvenzlage der Lebensversicherer präsentiert sich sehr robust. Nach Auswertungen von Assekurata lag die durchschnittliche Solvenzquote Ende 2025 bei knapp 380 Prozent. Damit lag sie sowohl deutlich über der aufsichtsrechtlichen Mindestanforderung von 100 Prozent als auch über dem Vorjahreswert von 298 Prozent.
Übergangsmaßnahmen spielen nur noch in wenigen Einzelfällen eine Rolle, erklärt Heermann. „Die Solvenzlage ist ein klarer Stabilitätsanker der Branche. Eine knapp vierfache Überdeckung der Mindestanforderung zeigt, dass die Lebensversicherer aufsichtsrechtlich stark kapitalisiert sind“, so der Experte.
Allerdings gelte es zu bedenken, dass die Solvenzquote kein statischer Wert sei, sondern etwa durch Zinsentwicklungen, Storno oder Veränderungen im Geschäftsprofil schwanken könne. Entscheidend sei, wie belastbar die Kapitalausstattung in Stressszenarien bleibe und ob sich die solide Ausgangslage in nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit übersetzen lasse, so Heermann.
Die Lebensversicherung leidet nicht an fehlendem Vorsorgebedarf, sondern an einer Erlebnis-, Preis- und Transparenzlücke.
Lars Heermann, Assekurata
Verwaltungsstückkosten steigen an
Ein Problem seien zudem die steigenden Verwaltungsstückkosten je Vertrag. Diese liegen nach Berechnungen von Assekurata aktuell bei rund 27 Euro pro Jahr – nach etwa 25 Euro vor fünf Jahren und weniger als 23 Euro vor 15 Jahren.
Während die klassische Verwaltungskostenquote (in Prozent der gebuchten Bruttobeiträge) langfristig eher rückläufig sei, zeige sich bei einer Betrachtung der laufenden Beiträge ein anderes Bild: Hier verlaufe die Quote seitwärts und habe zuletzt leicht zugelegt.
Hintergrund sei die veränderte Beitragsstruktur im Neugeschäft. 2025 sorgten vor allem Einmalbeiträge mit einem Plus von 17 Prozent für Wachstum im LV-Geschäft, während die laufenden Beiträge nahezu auf Vorjahresniveau blieben.
„Die verbesserte Ertragslage darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Geschäftsmodelle auf der Kostenseite strukturell angespannt sind“, ordnet Lars Heermann die Zahlen ein.
Die lebenslange Verrentung ist kein Relikt aus alten Zeiten, sondern ein Kernnutzen der Lebensversicherung.
Lars Heermann, Assekurata
Verstärkter Wettbewerb durch Altersvorsorgereform
Die Kosten dürften mit der Reform der staatlich geförderten Altersvorsorge zusätzlich an Bedeutung gewinnen, erklärt der Experte. Mit dem Inkrafttreten des Altersvorsorgereformgesetzes 2027 fördert der Staat auch Vorsorgelösungen ohne Versicherungsmantel (11.5.2026). Als Wettbewerber treten dann Depotanbieter, Fonds und Broker in Erscheinung, die niedrige Kosten ausweisen.
Nach Einschätzung von Assekurata wird das neue Förderregime die Vergleichbarkeit mit Depot-, Fonds- und Plattformlösungen erhöhen und neben der Ansparphase auch die Rentenphase stärker in den Wettbewerb stellen.
Wenn Kunden künftig zwischen zeitlich befristeten Auszahlplänen und lebenslangen Renten wählen können, müssten Lebensversicherer den Wert einer Leibrente verständlicher und flexibler vermitteln.
„Die lebenslange Verrentung ist kein Relikt aus alten Zeiten, sondern ein Kernnutzen der Lebensversicherung“, sagt Heermann. „Allerdings gerät sie stärker unter Erklärungsdruck und muss im Kundengespräch plausibel erläutert werden.“
Nachholbedarf bei Kosten, Service und Transparenz
Das Analysehaus sieht weitere Faktoren, die den künftigen Produktwettbewerb prägen werden. Neobroker, Robo-Advisor und Fondsplattformen setzen bereits heute Standards bei Kosten, Transparenz und digitaler Bedienbarkeit, an denen sich auch Lebensversicherer messen lassen müssen. Hier bestehe laut der Rating-Agentur noch Nachholbedarf.
„Die Lebensversicherung leidet nicht an fehlendem Vorsorgebedarf, sondern an einer Erlebnis-, Preis- und Transparenzlücke gegenüber digitalen kapitalmarktnahen Angeboten“, so Heermanns Einschätzung.
Assekurata erwartet, dass die meisten Lebensversicherer die neue geförderte Altersvorsorge schon früh im nächsten Jahr auf den Markt bringen werden. Auf Seiten der Geschäftsprozesse könne die Assekuranz von ihren Erfahrungen aus der Riester-Welt profitieren, wohingegen viele branchenfremde Wettbewerber hier Neuland betreten würden.
Zugleich sollten die Lebensversicherer mögliche Wechselimpulse von Kunden aus bestehenden Riester-Verträgen im Blick behalten, warnt Heermann. Übermäßige Abflüsse könnten nicht nur die eigene Bestandsfestigkeit belasten, sondern auch hohe Anforderungen an die Liquiditätssteuerung in der Kapitalanlage stellen.




