Die Risiko-Triade der Robotik – Warum unsere Branche den Anschluss verliert

15.5.2026 – Die Risiken von humanoiden Robotern und autonomen Service-Systemen werden durch Standard-Betriebshaftpflichtpolicen nicht ausreichend abgesichert, kritisiert Versicherungsmakler Peter Hawranke in diesem Gastkommentar. Er appelliert an die Versicherer, mehr Mut zur Innovation zu zeigen, zum Beispiel durch hybride Deckungen, die Software-Entscheidungen wie mechanische Defekte behandeln.

Humanoide Roboter und autonome Service-Systeme sind keine Science-Fiction mehr. Sie ziehen in Krankenhäuser ein, unterstützen die Logistik und begegnen uns im Einzelhandel. Doch während die Technik exponentielle Sprünge macht, verharrt die Versicherungswirtschaft in einem gefährlichen Dornröschenschlaf.

Als Exklusiv-Anbieter für spezialisierte Robotik-Deckungskonzepte im DACH-Raum sehen wir täglich: Die deutschen Standard-Bedingungswerke (AHB/ABE) sind für diese technologische Evolution schlicht nicht ausgelegt. Wer humanoide Systeme mit Konzepten aus dem letzten Jahrzehnt versichert, schafft keine Sicherheit, sondern gefährliche Haftungsfallen.

Es ist Zeit, über die „Risiko-Triade“ der modernen Robotik zu sprechen.

Die Haftungsfalle der Autonomie

Peter Hawranke (Bild: Sicher Sicher)
Peter Hawranke (Bild: Sicher Sicher)

Klassische Betriebshaftpflichtversicherungen (BHV) basieren auf dem Verschuldensprinzip (§ 823 BGB). Doch wer verschuldet einen Schaden, wenn eine KI-gesteuerte Maschine eine autonome Entscheidung trifft, die zu einem Unfall führt?

In der Welt der humanoiden Robotik bewegen wir uns weg von der reinen Verschuldenshaftung hin zu einer Gefährdungshaftung, ähnlich wie wir sie aus dem Kfz-Bereich kennen.

Ein Roboter, der sich frei zwischen Menschen bewegt, stellt eine permanente Gefahrenerhöhung dar.

Standard-Policen decken diese „algorithmische Willkür“ oft nicht ab. Betreiber riskieren hier im Schadensfall massive Regressforderungen, weil das Risiko im Bedingungswerk gar nicht erst definiert ist.

Wenn der Roboter zum Cyber-Ziel wird

Ein kritisches, oft unterschätztes Risiko ist das Cyber-Physical-Risk. Klassische Cyber-Policen schützen Daten; Elektronikversicherungen schützen Hardware. Doch was passiert, wenn ein Hacker die Sensorik eines Roboters manipuliert und diesen physisch „fremdsteuert“? Hier entsteht eine Deckungslücke (Silent Cyber).

Viele Versicherer verweisen im Schadensfall auf die jeweils andere Sparte. In einer Welt, in der Hardware und Software untrennbar verschmolzen sind, benötigen wir Bedingungen, die den physischen Schaden durch externe IT-Manipulation explizit als Kaskoereignis definieren.

Der EU AI Act als neuer regulatorischer Standard

Mit dem EU AI Act kommen auf Betreiber von „Hochrisiko-KI-Systemen“ strenge Überwachungs- und Dokumentationspflichten zu. Verstößt ein Unternehmen gegen diese regulatorischen Vorgaben, erlischt bei Standardverträgen oft der Versicherungsschutz wegen Verletzung von Obliegenheiten.

Moderne Versicherungskonzepte müssen die Compliance-Anforderungen des AI Acts bereits in die Bedingungen integrieren. Nur so bleibt der Schutz auch dann bestehen, wenn die Komplexität der Regulierung das operative Geschäft fordert.

Hören Sie auf, Robotik als „Sonderrisiko“ zu behandeln.

Appell an die Risikoträger

Mein Appell an die Risikoträger: Mut zur Innovation ist heute! Es reicht nicht mehr aus, neue Technologien in alte Tarifstrukturen zu pressen. Hören Sie auf, Robotik als „Sonderrisiko“ zu behandeln, das man hinter dicken Risikofragebögen versteckt.

  • Öffnet die Bedingungswerke: Wir brauchen hybride Deckungen, die Software-Entscheidungen wie mechanische Defekte behandeln.
  • Versteht die Hardware: Ein humanoider Roboter ist kein Gabelstapler. Wer die Sensorik nicht versteht, kann sie nicht einpreisen.
  • Werdet zum Enabler: Die deutsche Industrie ist auf Automatisierung angewiesen. Die Versicherungswirtschaft darf nicht zum Bremsklotz für den Standort Europa werden.

Fazit

Die Versicherung von Robotik ist eine eigene Risikoklasse, die eine Verschmelzung von Haftpflicht-, Kasko- und Cyber-Expertise erfordert. Unternehmen müssen ihre Policen kritisch hinterfragen:

  • Ist die Gefährdungshaftung eingeschlossen?
  • Deckt die Kasko den gehackten Roboter?

Wer diese Fragen heute ignoriert, zahlt morgen den Preis für eine Technologie, die er zwar nutzt, aber nicht beherrscht.

Peter Hawranke

Der Autor ist COO Europe der Sicher Sicher GmbH

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