25.8.2026 – Der neue Bundesgesundheitsminister hat in seinem ersten Interview mit der „Bild am Sonntag“ (BamS), seitdem er auf Nina Warken an der Ressortspitze gefolgt ist, Stellung bezogen. Demnach will er die von seiner Amtsvorgängerin geplanten Kürzungen bei Rentenbeiträgen für pflegende Angehörige stoppen. Außerdem hält er an seinen früheren Aussagen fest, dass es zu viele GKV-Anbieter in Deutschland gebe.

- Carsten Linnnemann (Bild: Tobias Koch)
Dr. Carsten Linnemann (CDU) hat vier Wochen nach seinem Wechsel an die Spitze des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) angedeutet, wie es mit den Reformen im deutschen Gesundheitssystem weitergehen dürfte.
Noch kurz vor der parlamentarischen Sommerpause hatten der Bundestag und der Bundesrat ein Reformpaket für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) auf den Weg gebracht (VersicherungsJournal 13.7.2026). Dies hatte seine Amtsvorgängerin Nina Warken (CDU) geschnürt, die als Ressortchefin in das Kanzleramt gewechselt ist (27.7.2026).
Das sogenannte GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (Drucksache 411/26; PDF; 1,7 MB) enthält zahlreiche Maßnahmen, um die Finanzlücken der Krankenkassen zu schließen. Grundlage war der erste Bericht (PDF; 6,1 MB) der von Warken eingesetzten Finanzkommission Gesundheit.
Maßnahmen zur Stabilisierung der GKV-Beitragssätze
Dieser enthielt ausdrücklich kaum langfristige Therapievorschläge für die GKV-Finanzen, sondern 66 vorrangig kurzfristig wirksame Maßnahmen zur Stabilisierung der Beitragssätze ab 2027 (VersicherungsJournal Medienspiegel 15.9.2025).
Unter den zehn Wissenschaftlern des überparteilichen Expertengremiums sind fünf Ökonomen und zwei Sozialrechtler sowie je ein Vertreter der Disziplinen Ethik, Medizin und Prävention. Sie haben die aktuelle Finanzlage der GKV analysiert, um Kostentreiber sowie strukturelle Probleme auf der Einnahmen- und Ausgabenseite zu erkennen.
Bei der Vorstellung ihrer Empfehlungen ging die Finanzkommission auch auf die Forderung nach mehr Fusionen unter den noch rund 90 Krankenkassen ein (31.3.2026). Der Kommissionsvorsitzende Dr. Wolfgang Greiner sprach sich gegen den Vorschlag aus, die Zahl der Körperschaften hierzulande per Gesetz zu reduzieren. Das ergebe „keine großen Einspareffekte bei Verwaltungskosten“, so der Professor für Gesundheitsökonomie und Gesundheitsmanagement an der Universität Bielefeld.
Zahl der Krankenkassen in der politischen Diskussion
Nach Angaben der „Bild am Sonntag“ (BamS) hält der ehemalige CDU-Generalsekretär dennoch an seinen Positionen zu dieser Frage fest. „Wenn ich sehe, dass da Milliarden ausgegeben werden für nichts, weil es keinen Wettbewerb gibt, dann müssen wir da ran“, sagte er in seiner früheren Funktion (16.4.2026). „Deswegen sind über 90 Krankenkassen zu viel.“
„Davon nehme ich nichts zurück“, zitiert ihn hierzu aktuell die BamS. „Jetzt bin ich Bundesgesundheitsminister und jetzt habe ich Ende des Jahres eine Kommission, die einen Endbericht vorlegt.“
Laut dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen waren zum jüngsten Jahreswechsel noch 93 Krankenkassen in Deutschland aktiv. Das sind zwar nur zwölf weniger als noch im Jahr 2020, aber 1993 waren es noch 1.128 Körperschaften mehr. In diesem Monat wurden weitere Fusionen bekannt, so dass zwei Krankenkassen vom Markt verschwinden werden (Medienspiegel 7.7.2026).

- Anzahl der Krankenkassen; Stichtag: 1. Januar (Bild: GKV-Spitzenverband)
Spielraum für individuelle Angebote stark eingeschränkt
Die aber immer noch hohe Anbieterzahl könne auch der Wettbewerb nicht rechtfertigen, argumentierte Linnemann: Die Leistungen der GKV seien weitgehend vorgegeben, was den Spielraum für individuelle Angebote stark einschränke.
Der promovierte Volkswirt regte daher an, primär kleinere Krankenkassen auszusortieren. Als mögliche Schwelle nannte er 200.000 oder 250.000 Versicherte. „Ich finde, zehn Krankenkassen in Deutschland reichen“, sagte er dem Nachrichtensender NTV.
Als „politisches Ablenkungsmanöver, das weder zur Problemlösung beiträgt noch Finanzlöcher stopft“, kritisierte hingegen beispielsweise Anne-Kathrin Klemm, Vorständin des BKK Dachverbandes e.V., Linnemanns Forderung.
Kürzungen bei Rentenbeiträgen für pflegende Angehörige
Konsens herrscht dagegen mit dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband) bei einer weiteren Forderung des neuen Bundesgesundheitsministers im BamS-Interview. Demnach will Linnemann einen Teil der Pflegereform zurücknehmen, die Warken aufgesetzt hatte.
Seine Amtsvorgängerin hatte Kürzungen um 30 Prozent bei Rentenbeiträgen vorgesehen, die die Pflegekassen für pflegende Angehörige zahlen. „Ich halte dieses Signal für nicht richtig, übrigens auch für unsere Gesellschaft“, begründet Linnemann den Stopp für die eingeplanten Einsparungen.
Er werde daher versuchen, diesen Punkt im Pflegeneuordnungsgesetz zu korrigieren. Ähnlich hatte sich auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei der Sommerpressekonferenz Mitte Juli geäußert. „Und deswegen gehe ich davon aus, dass das ein Gesamtanliegen ist“, so Linnemann.
Gesamtgesellschaftliche Aufgabe aus Steuern finanzieren

- Florian Reuther (Bild: PKV-Verband)
Linnemann bezeichnete die Menschen, die mehr als fünf Millionen Pflegebedürftige zu Hause pflegen, als „die Alltagshelden Deutschlands“. „Diese Menschen müssen stärker in den Fokus“, sagte er. Der GKV-Spitzenverband lobte die Ankündigung. Es handle sich um „eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die richtigerweise aus Steuermitteln finanziert werden müsste“.
Das sieht Florian Reuther, Direktor des Verbands der Privaten Krankenversicherung e.V. (PKV-Verband), ähnlich. „Die Angehörigen sind das Rückgrat der Versorgung in der Pflege.“ Deswegen sei es richtig, die geplante Kürzung der Rentenversicherungsbeiträge noch einmal zu diskutieren.
„Bei den Rentenversicherungsbeiträgen, die von gesetzlich und privat Versicherten getragen werden, handelt es sich indes um versicherungsfremde Leistungen“, erklärt Reuther. „Es ist daher zwingend, sie in Zukunft aus Steuermitteln und nicht zu Lasten der Beitragszahler zu finanzieren. Das würde die Kosten fair und verfassungsmäßig verteilen und die Lohnnebenkosten entlasten.“




